Argyll and Bute: Wie eine Gemeinde den Blog eines Kindes zensieren wollte

Donnerstag, 14. Juni 2012, in der Grundschule von Lochgilphead, das im schottischen Distrikt Argyll and Bute nahe der schottischen Highlands idyllisch am Loch Lomond gelegen ist. Die neunjährige Martha Payne sitzt im Mathematik-Unterricht. Seit Ende April 2012 betreibt sie ihren eigenen Blog NeverSeconds, in dem sie das Kantinenessen der Grundschule in Lochgilphead dokumentiert, fotografiert und bewertet. Die Schulleiterin kommt herein und bittet Martha in ihr Büro.

Im Büro eröffnet sie Martha, dass die Distriktverwaltung von Argyll and Bute ihr mit sofortiger Wirkung verbietet, ihr Schulessen zu fotografieren und die Bilder in ihrem Blog zu veröffentlichen. Martha fällt aus allen Wolken, ihr Vater schaltet sich ein. Martha, die den Blog zu dem Zweck aufgesetzt hat, Missstände aufzuzeigen, Verbesserungen anzuregen und mit NeverSeconds zudem ein Charity-Projekt finanziell unterstützt hatte, schreibt währenddessen sichtlich erschüttert ein Abschiedsposting in ihrem Blog. Nachdem der Blog durch seine außergewöhnlichen Umstände, insbesondere Marthas Alter und ihr Engagement, bereits recht große Bekanntheit auch in großen UK-Medien erfahren hatte, dauert es nicht lange, bis sich die Nachricht von der Zensur an einer Neunjährigen wie ein Lauffeuer durch Medien und Internet verbreitet. Ein Sturm der Entrüstung brandet weltweit auf, als die BBC das Thema aufgreift und schwere Vorwürfe gegen den Council von Argyll and Bute erhebt. Die Leitungen der Distriktverwaltung und der Schule beginnen zu glühen, auf Twitter wird der Account von Argyll and Bute zahllose Male erwähnt und mit Vorwürfen überschüttet.

Die Wendung

Am frühen Nachmittag veröffentlicht der Council von Argyll and Bute eine erste Stellungnahme auf seiner Webseite: Man habe, ausgehend von der teils sehr negativen Berichterstattung durch die Medien über die Schulkantine, die auf Marthas Blog NeverSeconds beruhte, negative Auswirkungen auf Mitarbeiter der Schulkantine befürchtet. Anstatt Missstände zu verbessern, die Martha deutlich aufgezeigt hat, wurde also kurzerhand eine Informationssperre verhängt – klassische Zensur. Dass dieses Statement nicht zur Beruhigung der Lage und zur Deeskalation beitrug, versteht sich von selbst. Eine Stunde später dann die erlösende Nachricht: Der Leiter des Distrikts hat sich eingeschaltet. Das Verbot wurde mit sofortiger Wirkung aufgehoben, Martha darf weiterhin bloggen und dabei Bilder von ihrem Essen veröffentlichen.

Repressalien statt Ermutigung

Es ist eine Schande, wie Kinder in ihrem Engagement gebremst werden, um negative Auswirkungen zu unterdrücken – die letztlich nicht negativ gewesen wären. Statt sie zur Partizipation und zur Teilnahme am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben zu ermutigen, werden sie mit Repressalien belegt, sobald ihre Aktivitäten unbequem werden. Die Lektion, die Martha dabei möglicherweise viel zu früh lernen musste: wer etwas verändern möchte, gilt sofort als Querulant. Oder um es mit den Worten der Ärzte auszudrücken: “Und wenn du etwas ändern willst, dann bist du automatisch Terrorist…” (Die Ärzte, Deine Schuld).

Der Streisand-Effekt

Die Sache hat auch eine positive Seite, mit der wir schließen möchten (für Martha, nicht für den Council von Argyll and Bute, dessen Imageschaden kaum wiederherzustellen ist): durch die weltweite mediale Aufmerksamkeit schossen die Klickrate auf ihren Blog NeverSeconds und die Spendenseite, deren Erlös an das Projekt Mary’s Meals fliesst, um ein Vielfaches in die Höhe. Bis heute hat Martha für Mary’s Meals, das Schulküchen für Drittwelt-Länder finanziert, knapp 75.000 Britische Pfund, umgerechnet über 90.000 Euro, gesammelt!

Links

Dieser Artikel erschien ebenfalls in Kinderzeugs.de.

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