Aufregerkultur, Radikalisierung, Angst – die digitale Gesellschaft?

Das Netz sollte Freiheit bringen. Es sollte multikulturelles Denken fördern und Diversität ermöglichen. Nachdem ich nun aber seit fast 20 Jahren aktiv im Internet bin, damit auch meine Brötchen verdiene und durchaus als Teil der digital natives betrachtet werden kann, habe ich eher einen anderen Eindruck. Denk- und Sprechverbote, Unterdrückung anderer Meinungen, Aufreger, wohin das Auge blickt und Schwarz-Weiß-Denken dominieren viele Teile des Netzes. Statt Toleranz gibt es ein Hauen und Stechen, Hass und Missgunst sind allgegenwärtig. Wo ist das Gute geblieben?

Ich weiß, ich spiele im Netz keine bedeutende Rolle. Ich gehöre nicht der sogenannten digitalen Elite an – und um vorzubeugen: ich möchte das gar nicht. Warum, wird sich später in diesem Artikel zeigen.
Vielleicht wird ihn niemand lesen. Vielleicht werde ich dafür aber auch an den Pranger gestellt. Ich weiß es nicht, kann aber mit beiden Varianten leben. Lieber wäre es mir aber, er würde gelesen und eine breit gefächerte Diskussion lostreten.

Ja, ich bin frustriert. Ich bin tief enttäuscht über das, was seit mehreren Jahren schleichend Teil der Netzkultur geworden ist: hasserfüllte, radikale Kommentare unter Artikeln, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie, maßlose Beleidigungen, Sexismus, und ein zunehmendes Klima der Angst. Angst? Ja, Angst. Ich habe lange abgewägt, ob ich diesen Artikel schreibe.

Dass gerade die Boulevardmedien mit ihren Online-Ausgaben gerne Angst und niedere Instinkte schüren, ist nichts Neues. Dass es funktioniert, zeigen die Kommentare, die selbst dem Stammtischniveau noch unwürdig wären. Doch dort endet all das nicht – gerade bei Twitter tun sich bisweilen menschliche Abgründe auf, die ihresgleichen suchen. Und es nicht kein Phänomen, das die bei Twitter so aktiven Piraten erfunden haben, dass Andersdenkende unmittelbar von einer Lawine der Empörung getroffen wurden. Shitstorms sind allgegenwärtig und sind so inflationär geworden, dass selbst die meisten Konzerne größtenteils ihre Angst davor verloren haben. Die Empörung ist wirkungslos geworden, selbst wenn sie berechtigt ist, verpufft sie so schnell, wie sie kam. Die meisten Social Media-Manager wissen längst: lass den Mob wüten, in ein paar Tagen zieht die Karawane weiter und sucht sich ihr nächstes Opfer aus.

Genauso inflationär und wirkungslos wurde ein wichtiges Instrument der Demokratie: Petitionen. Sie schießen mittlerweile wie Pilze aus dem Boden, es grenzte an einen Fulltime-Job, sie alle zeichnen zu wollen. Kaum jemand macht sich darum Gedanken, wen das am Ende noch ernsthaft interessiert.
Das Ende vom Lied: eine Empörungswelle jagt die Nächste. Und während sich die breite Masse der Nutzer noch über irgendetwas empört, entstehen an ganz anderen Ecken Strohfeuer, die niemand mehr bemerkt. So wurde ACTA erfolgreich versenkt. Das Leistungsschutzrecht jedoch kam durch, denn niemand der digitalen Elite kam auf die Idee, die breite Masse dafür zu mobilisieren und die Problematik so zu erklären, dass es auch Nicht-Nerds begreifen konnten. Wir alle haben hier kläglich versagt. Denn der große Teil der Bevölkerung belächelt Medienberichte über Shitstorms nur noch.

Aufreger sind online das ganz normale Tagesgeschäft. Schon morgens reicht ein Blick in die Twitter-Trends, um zu sehen, welche Sau heute wieder durchs Dorf getrieben wird. Ich bin müde geworden, und viele andere auch. Ich habe keine Lust mehr, mich permanent zu echauffieren. Protest kann nur dann wirksam werden, wenn er organisiert wird. Doch die meisten Petitionen schaffen noch nicht einmal den Weg außerhalb der digitalen Leitungen. Werden Unterschriftenlisten zum Download angeboten, ist die Zeichnungsquote quasi null. Wir sind Weltmeister im Teilen und Klicken. Aber nur bitte kein Klick zuviel, und etwas Ausdrucken und ins Offline-Leben tragen? Um Himmels Willen!

Auch die #Aufschrei-Causa zeigt deutlich, wie sehr die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben wird. Eigentlich diente sie dazu, auf Alltagssexismus und ernste Gesellschaftsprobleme aufmerksam zu machen. Mittlerweile wird #Aufschrei inflationär für jeden schrägen, unglücklich formulierten Spruch und jeden falschen Blick missbraucht. Wer sich dagegen äußert, dem droht eine Welle der Empörung – das mussten jüngst zahlreiche Nutzer am eigenen Leib erfahren, die sich nicht sofort radikalisiert haben, als eine junge Frau in Berlin von vier Männern belästigt wurde (was in der Tat nicht akzeptabel ist) und ein Foto der Täter veröffentlicht hat. Als an dieser Form von Anprangern leise Kritik aufkam, wurden die Kritiker von einem Shitstorm erfasst, der das ganze Ausmaß der Sache erschreckend aufzeigte: Spam-Blocken, also massenhaftes Melden von Beiträgen auf Twitter, wodurch Accounts ab einer bestimmten Anzahl automatisch gesperrt werden, einige Aktivistinnen bedrängten gar die Arbeitgeber dieser Kritiker. In was für einem Klima der Angst sind wir eigentlich angekommen?? Das ganze Ausmaß lässt sich hier nachlesen: klick mich!

Es scheint zunehmend nur noch schwarz und weiß zu geben. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich – was als veraltete Weltanschauung in der Bibel (Matthäus 12,30) betrachtet werden kann, scheint von vielen Nutzern heute als Credo angenommen worden zu sein. Grautöne oder gar Farben werden ausgeblendet, leise Kritik als Affront interpretiert. Ist das die Vielfalt, die wir uns alle vom Netz erhofft haben? Wo sich niemand mehr trauen darf, seine Meinung zu äußern? Ernsthaft?

Der französische Autor Voltaire wird in Sachen Meinungsfreiheit häufig falsch zitiert. In der Tat äußerte er sich aber zur Meinungsfreiheit:

Das Recht zu sagen und zu drucken, was wir denken, ist eines jeden freien Menschen Recht, welches man ihm nicht nehmen könnte, ohne die widerwärtigste Tyrannei auszuüben. Dieses Vorrecht kommt uns von Grund auf zu; und es wäre abscheulich, dass jene, bei denen die Souveränität liegt, ihre Meinung nicht schriftlich sagen dürften.

Quelle: Questions sur les miracles, mit Dank an Anmerkungen donec venias

Ja, auch ich habe etwas gegen Neonazis, gegen Homophobie, und weiß Gott kaum ein Regierungsmitglied hat meine Sympathien. Dennoch wünsche ich mir eine etwas differenziertere Betrachtung und wenig reaktionäres Gehabe – damit wir endlich eine offene, liberale Gesellschaft werden können und nicht in noch mehr Gruppen zersplittern. Denn Radikalisierung ist in meinen Augen kein Ausweg, sondern schädlich.

Bin ich wirklich allein mit diesen Ansichten? Feedback: gerne unten. Egal in welcher Form – auch kontroverse Meinungen sind willkommen.

Foto: Benno Hansen under cc by-sa 2.0

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4 Comments

  1. Hallo, Timo,

    von mir kriegst Du keinen kontroversen Beitrag, sondern nur Zustimmung. Ich bin jemand, der normalerweise moderierend wirkt. Jemand, der eine Position sucht, mit der alle leben können. Jemand, der eine feste eigene Meinung hat, aber bereit ist, Kompromisse einzugehen, um für eine größere Gruppe ein gutes Ergebnis herauszuholen.

    Du hast sehr gut beschrieben, warum ich zu vielen Themen mittlerweile meinem Mund halte. Ich habe keine Lust, dass mir irgendein Mob meinen Twitter-Account sperrt oder mich öffentlich diffamiert, weil ich es wage, nicht zu 100% deren Meinung zu übernehmen. Oder auch: ich habe Angst, öffentlich meinem ausgleichenden Naturell zu folgen. Dabei ist es fast egal, um welches Thema es geht – sei es Religion, seien es soziale Themen wie BGE und co, sei es Sexismus.

    Das ist traurig. Meine Lösung ist, im Hintergrund zu arbeiten, Twitter Twitter und Facebook Facebook sein zu lassen. Aber optimal ist die Lösung nicht. Nur: wie sollte man das ändern? Ich weiß es nicht.

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