Das bizarre Verhalten der Crowd – Vermisstensuchen bei Facebook

Dass die Crowd bisweilen etwas anders tickt, als man aus dem normalen Leben erwarten würde, ist unter Social Media-Profis längst kein Geheimnis mehr. Der überwiegende Teil der Internet-User zeigt sich als reaktionär und emotional, insbesondere in Kommentaren in Blogs und Social Networks kommt meist ein unreflektiertes spontanes Echo – bisweilen auch mit übertriebener Schärfe. Spontanreaktionen eben. Als Profi weiß man das und weiß auch, damit umzugehen – meistens. Manchmal verblüffen die Reaktionen aber sogar uns.

Der konkrete Casus

Am Sonntag lief bei der Facebook-Seite Deutschland findet euch, ein überregionales Suchportal für vermisste Personen, ein auf den ersten Blick besorgniserregender Fall auf: ein elfjähriges Mädchen aus Berlin, das wie vom Erdboden verschluckt war. Was liegt im Zeitalter Web 2.0 näher, als die Crowd um Hilfe zu bitten?
Gesagt, getan: die Eltern taten genau das. Nachdem sie Gina-Loren bei der Polizei als vermisst gemeldet hatten, baten sie auch bei Facebook um Hilfe. Bei Deutschland findet euch und auf ihrem eigenen Profil starteten sie Suchaufrufe, verbreiten – bisweilen aus nachvollziehbaren Gründen etwas diffuse, teils widersprüchliche – Informationen über ihre Tochter und veröffentlichten Bilder von ihr. Eine große Anteilnahme machte sich breit, die Nachricht verbreitete sich in Windeseile – und plötzlich kippte die Stimmung.

Der Wandel in der Crowd

Auf einmal wurden die Eltern mit teilweise nicht nachvollziehbaren Vorwürfen konfrontiert. „Mein Kind darf nie allein raus, was denkt ihr euch eigentlich?“ – so oder so ähnlich lautete bei einigen vermeintlichen Übermüttern der Tenor, ungeachtet der Tatsache, dass es völlig irrational wäre, ein elfjähriges Kind rund um die Uhr bewachen zu wollen. Die ohnehin schon verunsicherten und verängstigten Eltern reagierten mit stellenweise offensichtlicher Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit und teilweise auch verständlicher Aggressivität auf solche – an völlig falscher Stelle angebrachte – Vorwürfe, die Zahl der Kommentare pro Posting stieg ins Unermessliche. Selbst, als das Kind schließlich wohlbehalten gefunden wurde, wurde den Eltern von einigen Nutzern noch vorgeworfen, sie würden lieber „herumtickern“ (O-Ton), als sich um ihr Kind zu kümmern.

Ursachenforschung

Wie kommt es, dass andere Mitmenschen dermaßen unsensibel und aggressiv reagieren, in einem Moment, in dem es für jeden Menschen klar ersichtlich darum geht, einen geliebten Menschen wiederzufinden? Die Gründe liegen möglicherweise in der eigenen Hilflosigkeit. Gerade Eltern leben meist in einer tiefen Grundsorge um ihre Kinder. Das offensichtliche Schicksal anderer Menschen holt ihnen ihre eigene Verunsicherung und das tiefe Wissen um die Zerbrechlichkeit ihres augenblicklichen Glücks ins Bewusstsein. Dort wollen sie es nicht haben und versuchen sofort, Argumente anzubringen, warum sie selbst nie in diese Situation kommen könnten. Solche Argumente werden mantraartig heruntergebetet, um die eigene Verunsicherung wieder ins Unterbewusstsein zu verbannen: ein Verdrängungskomplex. Und das Web 2.0 mit seiner Möglichkeit zur direkten Echtzeit-Reaktion und seiner gleichzeitigen Distanz zu anderen Menschen lässt viele Nutzer offenbar dabei eine Schranke vergessen: die Schranke zwischen ihnen und anderen Menschen. Statt sich selbst bewusst zu machen, dass niemand das Schicksal gänzlich manipulieren kann, werden andere mit Vorwürfen bombardiert, um sich selbst vom fremden Schicksal zu distanzieren.

Anforderungen an Social Media Consultants

Social Media Profis müssen sich diesen Phänomens gewahr sein. Sie müssen sich bewusst machen, dass jede Äußerung bewertet wird – und je nach Bewertung fallen die Reaktionen aus. Das Web 2.0 bewegt sich an der Basis oftmals auf dem sogenannten Stammtisch-Niveau, und insbesondere, wenn es um sensible Themen wie Kinder geht, muss eine Diskussion aufmerksam verfolgt und moderiert werden, um Emotionen zu kanalisieren, aber die Situation nicht eskalieren zu lassen. Eine provokante Statusmeldung bei Facebook kann eine produktive Diskussion anstoßen – wenn sie überwacht wird. Ansonsten ist die Gefahr, dass der Diskussionsverlauf eskaliert und früher oder später auch einer klassischen Godwin-Gesetzmäßigkeit zum Opfer fällt, extrem hoch.

Trivia

Als Manager mehrerer Publikationen aus unserem eigenen Haus bin ich auch für ein Elternmagazin verantwortlich und wollte dort die Suchaktion unterstützen. Da ich Suchaktionen grundsätzlich nicht ohne vorherige Recherchen fördere, fiel mir auf, dass das Vermisstenportal der Polizei Berlin keine Informationen über den vorliegenden Fall führte – was am Wochenende an sich noch nicht ungewöhnlich ist. Also wandte ich mich telefonisch an die Polizei Berlin – und habe dabei eine Sternstunde erlebt. Schon mehrfach hatte ich Suchanfragen vorab polizeilich verifizieren lassen und die Polizei um Einschätzung der Ernsthaftigkeit gebeten, stets erhielt ich freundliche und sachliche Auskunft.
Da die Pressestellen am Wochenende nicht besetzt sind, wandte ich mich unter dem Hinweis auf die redaktionelle Tätigkeit an das Bürgertelefon der Polizei Berlin. Dort erreichte ich einen hörbar völlig desinteressierten Beamten, der mir zunächst mitteilte, dass die Internet-Seite zur Vermisstensuche keine Informationen darüber führt (ach, wirklich…?!). Als ich sichtlich verwundert reagierte, wurde er pampig.

Polizei: „(Hörbar provokativer Unterton) Was finden Sie daran seltsam? Dass wir nicht jede Internetseite kennen?“
Ich: „(Kurzes Schweigen, um mich zu fassen) Nein, dass Sie darüber nicht in Kenntnis sind, weil die Polizei laut der Eltern bereits nach dem Kind sucht.“
Polizei: „Det is ja denn ooch die Frage, ob ick Ihnen da datenschutzrechtlich überhoopt wat sagen darf, da könnte ja jeder kommen…“
Ich: „(Nochmals etwas längeres Schweigen, da mir sowas nun wirklich noch nie untergekommen ist) Ist vielleicht jemand im Haus, der mir da Auskunft erteilen könnte?“
Polizei: „Nee, die Pressestelle hat heut zu.“

Herzlichen Dank an die Polizei Berlin für soviel Hilfsbereitschaft.

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2 Comments

  1. Danke für diesen sehr ausführlichen Artikel. Ich als Mutter von Gina bin sichtlich entsetzt, wie desinteressiert die Berliner Polizei auf Ihre Nachfrage reagiert hat. Diese Konversation zwischen Ihnen und den Beamten, vermittelt mir das Gefühl, dass am Wochenende ein vermisstes Kind anscheinend störend ist für die Beamten. Umso wütender macht mich die anscheinend fehlende Kommunikation zwischen den einzelnen Behörden. Wäre dieser Fall nicht so positiv verlaufen, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, welche rechtlichen Konsequenzen ich daraus gezogen hätte. Die zermürbenden 24 Stunden und die dazu, teils vorwurfsvollen Kommentare vieler User, waren schon eine Herausforderung genug in dieser Situation. Ich selbst habe mich oft gefragt, wie ich reagieren würde, wenn mir so etwas passiert. Und da ich jetzt selbst betroffen war, kann ich nur sagen, es gibt kein Patentrezept. Jeder geht mit seiner Situation anders um, um sie zu bewältigen. Niemand darf sich ein Urteil erlauben, wenn er die Familie und die Umstände nicht kennt aber wir sind froh, trotz vieler negativer Resonanz, doch mehr positive Unterstützung erhalten zu haben. Jedoch ist es für viele schwer, ihre eigenen Emotionen in solch einer Diskussion heraus zu lassen und einfach nur objektiv zu sein. Wir freuen uns, unsere Tochter wieder gesund und unversehrt bei uns zu haben und haben uns auch professionelle Hilfe geholt um nicht nur das Verhalten unserer Tochter zu analysieren, sondern auch um das Erlebte besser zu verarbeiten. In diesem Sinne. LG

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