Immer wieder: die DLRG Westfalen und der ICE-Kontakt im Handy

Und täglich grüßt das Murmeltier. Seit dem Jahr 2005 geistert eine Email durch das Web, in der die DLRG LV Westfalen angeblich empfiehlt, Notfallkontakte für den Fall eines Unfalls im Handy unter dem Pseudonym „ICE“ abzulegen. Gerade eben wurde diese Welle wieder losgetreten. Warum das Blödsinn ist, soll hier endgültig und abschließend geklärt werden.

Kaum eine Mail wurde in der Vergangenheit so oft zitiert. Seit dem Jahr 2005 schon hält sie sich hartnäckig und kommt immer und immer wieder in Wellen auf, die Mail vom Landesverband Westfalen der DLRG. Der Text:

„Die RTW- und Ambulanzfahrer haben bemerkt, dass beim Verkehrsunfall die meisten Verwundeten ein Mobil-Telefon bei sich haben. Bei verletzten Personen, die nicht mehr ansprechbar sind, wissen die Einsatzkräfte aber nicht, wer aus den langen Adreßlisten zu kontaktieren ist.
Ambulanzfahrer und Notärzte haben also vorgeschlagen, dass jeder in sein Handy-Adreßbuch, die im Notfall zu kontaktierende Person unter demselben Pseudo eingibt.
Das international anerkannte Pseudo lautet: ICE (= In Case of Emergency).
Unter diesem Namen sollte man die Rufnummer der Person eintragen, welche im Notfall durch Polizei, Feuerwehr oder erste Hilfe anzurufen ist. Sind mehrere Personen zu kontaktieren, verwendet man einfach ICE1, ICE2, ICE3, usw. Diese Maßnahme ist leicht durchzuführen, kostet nichts, kann aber im Notfall eine schnellere Information der Angehörigen zur Folge haben.“

Soviel zum Mailtext. Und den vergessen wir jetzt bitte alle wieder. Zum einen, weil sie schon recht weit hergeholt werden. Denn „RTW- und Ambulanzfahrer“ (ich hatte eigentlich gehofft, dass ein Landesverband einer Hilfsorganisation in der Lage wäre, Rettungsassistent, Rettungssanitäter und Notarzt korrekt zu benennen, aber vielleicht erwarte ich hier auch einfach zuviel…) haben am Einsatzort nichts, aber auch gar nichts mit dem Handy des „Verwundeten“ (korrekterweise des Patienten…) zu schaffen. Sie kümmern sich vereinfacht ausgedrückt um Primärdiagnose, lebenserhaltende Maßnahmen, Herstellung der Transportfähigkeit. Und damit sind sie mehr als ausgelastet. Wem das zu subtil war: die Verständigung von Angehörigen ist grundsätzlich Sache der aufnehmenden Klinik oder der Polizei – der Rettungsdienst hat damit schlichtweg nichts zu tun. Nun, das mag nun kleinlich erscheinen, aber das ist nicht der einzige sachliche Irrtum dieser Mail von der DLRG.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) hat zu der ICE-Idee schon im Jahr 2009 Stellung genommen und rät grundsätzlich davon ab. Denn in der Tat ist das kein Standard und weitestgehend unbekannt, zudem wiegt es den Patienten in spe in falscher Sicherheit. Denn in der Notaufnahme herrscht Zeitdruck, und da ist kaum Zeit, sich mit Handys zu beschäftigen, deren Benutzung man unter Umständen nicht gewöhnt ist, die durch eine PIN gesperrt sind, deren Akku leer ist oder die ganz banal beim Unfallhergang (um beim erwähnten Verkehrsunfall, der den kleinsten Anteil am rettungsdienstlichen Einsatzaufkommen hat, zu bleiben) zu Bruch gegangen sind.
Wenn es schon das Handy sein muss, ist es sinnvoller, sich ein Bild mit dem Notfallkontakt als Lockscreen anzufertigen, grundsätzlich ist ein Zettel im Portemonnaie, am besten in auffälliger Farbe und Position, aber die sicherste Wahl. Und sollte überhaupt niemand primär erreichbar sein, nimmt die Polizei eben Ermittlungen auf und sucht nach dem direkten Ansprechpartner.

Auch verschiedene Ärztekammern berichteten, dass es unter ihren Mitgliedern reichlich Verunsicherung über diese Pseudonyme und ihre Anwendung geben würde.

Kurzum: bitte verlasst euch nicht auf diesen Tipp. Er ist eine nette Idee, aber in der Praxis eher unsicher, und gerade chronisch Kranke, Behinderte und andere Hilfsbedürftige sollten sich nicht darauf verlassen!

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4 Comments

  1. Word. Und wer dennoch nicht auf eine Notfallnummer verzichten will: Geht nix über einen Zettel „Im Notfall bitte anrufen: (Name/Telefonnummer)“ im Geldbeutel. Denn wenn jemand (Polizei, im Normalfall, oder viel später Krankenhaus) wissen will, wen man da vor sich hat sucht man zuerst einen Ausweis. Und wenn beim Ausweis im Geldbeutel oder der Brieftasche dann auch so eine Karte mit Notfallnummer zu finden ist kann das hilfreich sein. Manchmal ist Low-Tech effizienter.

  2. Pingback: ICE-Notfallkontakte - Android-Hilfe.de

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