Social Media: wie die Anonymität persönlich wird

Das Internet ist ein vermeintlich anonymer Raum, predigen Soziologen. Die vermeintliche Anonymität schaffe Distanz und ein unpersönliches Verhältnis. Doch ist das tatsächlich so? Ich musste die Erfahrung machen, dass dies nur bedingt zutrifft. Klar, auf Portalen wie das jüngst indizierte Skandal-Portal, in dem Jugendliche ihrem pubertären Frust auf Kosten Schwächerer Luft schaffen können, mag das oberflächlich so sein. Doch schaffen soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter teilweise auch unerklärliche Nähe zu Fremden.

Kasuistik

Es gab in den vergangenen Wochen mehrere einschneidende Ereignisse, die mich von der Überzeugung der „anonymen Kühle“ in sozialen Netzwerken abrücken lassen haben.

Fall 1: @uchida0hige

Im Rahmen der Japan-Berichterstattung tauchte mehrfach ein japanischer Twitter-Nutzer namens @uchida0hige auf, der seine (vermeintlich, s.u.) letzten Worte bei Twitter unsterblich machte: „Das Wasser kommt!“ – „Wir wollen nicht sterben!“. Danach wurde es still in der Timeline. Uchida0hige galt als tot – und die chronologische Live-Berichterstattung seines drohenden Todes in Echtzeit schockierte mich. Genau in diesem Moment kam ich ins Stutzen. Ich war im vorigen Beruf Rettungsassistent, habe über Jahre hinweg Kranke, Verletzte und Sterbende gesehen, manchmal chronisch Kranke über Monate hinweg begleitet. Ich sah Blut, ich sah Verzweiflung, Schicksale. Ich lernte damit umzugehen, und Nachrichten konnten nicht an mir nagen – bis zu uchida0higes Fall. Auf einmal erlebte ich das, was ich schon öfter auf der Straße, in Schlafzimmern und im Fahrzeug erlebt habe: dokumentierte Zeitzeugnisse des menschlichen Endes, des Todes. Und auf einmal berührte es mich. Die Verzweiflung, die aus seinen Tweets sprang, die Sorge um seine Familie, das Ende – all das machte mich betroffen und schmerzte. Warum? Ich kannte ihn doch nicht.
(Einschub: seit heute weiß ich, dass @uchida0hige lebt. Er gab wenige Tage später ein Lebenszeichen von sich und löschte seinen Account. Verständlicherweise…)

Fall 2

Brandaktuell. Zwei Mädchen im Alter von acht und elf Jahren wurden zuhause ermordet und tot von der Mutter aufgefunden. Sicher ein tragischer Fall, aber ebenfalls anonym. Für das Elternmagazin, das ich manage, recherchierte ich etwas weiter. Und stolperte über die Facebook-Profile der beiden getöteten Kinder. Schlagartig hatte die bis dahin anonyme Meldung ein Gesicht, sie erlang Persönlichkeit. Die Bilder der beiden Mädchen, die zudem auch noch das klassische Kindchenschema voll und ganz erfüllten, die Dokumentation ihrer letzten Aktionen auf Facebook – auf einmal tat es weh. Schon wieder.
(Anmerkung: die Profile der beiden Kinder sind inzwischen von Facebook entfernt worden – ist vielleicht auch besser so. Mögen sie Frieden finden – sofern das nach so einer grausamen Tat möglich ist…)

Bewertung

Wie kommt es zu dieser plötzlichen Betroffenheit? In Extremen wird aus der Ruhe plötzlich Anteilnahme. Anteilnahme am Schicksal, denn: durch die sozialen Netzwerke und die vorherige Lebensdokumentation nehmen wir auf einmal, gewollt oder ungewollt, am Leben des anderen teil. Nur ein kleines bisschen, aber anscheinend manchmal genug, um uns auf dem kalten Fuß zu erwischen. Wir sehen, wie die bislang anonymen Menschen ihre letzten Stunden, Tage, Wochen verbracht haben, wie sie Facebook-Spiele gespielt und ihre Freundesliste um Hilfe gebeten haben, wie sie gemeinsam mit Freunden gelacht und geflucht haben. Wir sind ungewollt Zeugen eines kleinen Ausschnittes ihres Lebens geworden, wir haben der anonymen Meldung ein Gesicht gegeben. Und plötzlich ist die Anonymität vorbei, wir öffnen uns ungewollt – und beginnen, uns mit dem anderen zu beschäftigen. Ein Mechanismus wird in Gang gesetzt, der die letzten dokumentierten Lebenszeugnisse in der Fantasie fortsetzt – und bevor wir es realisieren, stecken wir schon mittendrin.
Doch warum ist das nicht immer so? Warum schaffen soziale Netzwerke mal Distanz und mal ungewollte Nähe? Ich denke, dieses Phänomen liegt an uns selbst: wenn wir jemanden nicht an uns heranlassen wollen, ignorieren wir Botschaften aus dem Leben der anderen, blenden sie aus oder realisieren nur Dinge, die uns negativ auffallen. Interessieren wir uns aber für jemanden, so werden soziale Netzwerke zu einem kleinen Film aus dem Leben dieser Menschen. Und allzu schnell beginnen wir, diesen Film zu schneiden, zu animieren, und ihm ein eigenes Drehbuch zu geben. Und auf einmal wird aus Anonymität Wärme – nur manchmal viel zu spät.

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One Comment

  1. Aufschlussreicher Artikel. Bestimt keine schlechte Sache, sich mit dem Thema detailierter auseinander zusetzen. Werde gewiss auch weitere Beitraege im Auge behalten.

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